SND-I

May 23, 2010

snd-i

Am 19.5. hatte ich Gelegenheit, an einer interessanten Tagung “SND-I” über Newsdesign in Mailand teilzunehmen. Veranstalter war Alberto Valeri als teil der Organisation SND. (society of news design). Hier ein paar durchaus subjektive Notizen & Gedanken, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

vortragende:
Alberto Valeri, Alberto Valeri srl, Journalist, editorial designer, veranstalter der Tagung
Kris Viesselmann, Designerin, u.a. National Geographic, derzeitige Präsidentin SND.
Javier Erea, errea comunicatiòn, Journalist, editorial designer
Benjamìn Lana, Chefentwickler der Gruppe Vocento
Paco Trujillo, AD der Gruppe Vocento
Gianni Valenti, Journalist , Vizedirektor Gazzetta dello Sport
Mark Porter, editorial Designer u.a. guardian
Anna Thurfjell, AD Svenska Dagbladet
Steve Duenes, Chef der Grafikabteilug New York Times
Walter Mariotti Herausgeber der Beilage IL (Il Sole 24 ore)
Francesco Franchi, AD IL

einige Ideen:
– visual journalism benötigt Mitsprache auf einer Augenhöhe mit dem verbalen Journalimus.
Duenes beschreibt seine Arbeitssituation idealerweise als graphic desk, der ebenso wie die anderen resortspezifischen Newsdesks direkt informationen bezieht und diese nicht nur von anderen Ressorts gereicht bekommt. Hier arbeiten also auch Reporter, die (nichtverbalen) Content erzeugen. Gastgeber Valeri beklagt seine tägliche Praxis, in der ihm von Redaktionen nicht gestattet wird, weniger als 15 Themen auf die Seite 1 zu bringen.
– Errea behauptet aus Überzeugung, nicht mit Designern zu arbeiten, sein Studio (eines der bekanntesten für editorial design in Europa) besteht aus Journalisten. Sein Erfolg gibt ihm recht, ich bezweifle aber seine (sicherlich bewußt zugespitzte) Verallgemeinerung, dass die Designer das Problem fürs editorial design darstellen.

– cross media
gianni valenti beschreibt la gazzetta als einen multimedialen planet, der sich aus einer gekonnten Wechselwirkung von Print web und neuen Medien (mobilfunkanwendungen, Ipad ecc) zusammensetzt. Womit er der situation aller vorgestellten Medien entspricht. Es fällt auch der begriff eines 24h-Informationkanals, bei dem die (morgens erscheinende) Printausgabe nur eine von vielen Facetten ist, die breaking news werden inzwischen meist zuerst im Web publiziert.

– neue technologien: Alle reden derzeit vom IPad und den Möglichkeiten, die es im Vergleich zu existierenden Medien bietet. Porter zeigt einen Versuchsballon des Guardian, der dank dem besseren Display Bildern einen größeren stellenwert gibt als sonst in den (textbasierten) elektronischen Medien üblich. Interessant, weil es eine klare Entscheidung für den sinnlichen Mehrwert und gegen de enzyklopädische Vollständigkeit darstellt, aber wie gesagt ein Versuch. Der hohe technische Aufwand, der nötig ist, die technischen innovationen mit Sinn zu füllen bedingt ein vorsichtiges Vorgehen.

– während Zeitungen immer individueller aussehen, sind sich heute die websites der Zeitschriften aus techn Gründen (templates, stylesheets & webfonts) immer ähnlicher. Aus den gleichen Gründen bedeuten websites einen viel größeren Aufwand an Technik als an Gestaltung. Porter zeigt hier zwei Fotos der entsprechenden Teams bei guardian.co.uk: zwei Designer in einer Ecke gegen zig Programmierer in einem Großraumbüro.

– Vergleich zw. Informationsgrafik atlantischer und mediterraner schule:
Viesselmann (NG) und Duenes (NYT) präsentierten Grafiken die auf über hundertjährige Erfahrung & Archivschätze (NG) zurückgreifen können bzw. innerhalb kürzester Zeit (5h) Flugzeugkatastrophen als 3d-tracking nachstellen und publikationsreif illustrativ umsetzen (NYT). Referenz wäre hier sicherlich Edward Tufte, dessen Standardwerke über Informationsgestaltung auch erwähnt wurden.
Mariotti & Franchi (sole 24 ore/IL) zeigen v.a. amüsantes, buntes & seitenfüllendes, was leider mein vorurteil gegenüber dem Gebrauch von Grafik in Italien (vgl. Abitare seit Stefano Boeri sie leitet) bestätigt. Hier halten die Details oft keiner Hinterfragung im Sinne Tuftes stand. Die bewußte Übersetzung verbal-nicht verbal und umgekehrt (für die Tufte einer der derzeit lebenden Spezialisten ist, er berät hier z.B. die Regierung Obama) findet in Italien kaum statt, hier wird meiner Meinung nach sehr intuitiv / formalästhetisch gearbeitet.

– Benjamín Lana und Paco Trujillo berichten über die Regionalzeitungen der vocento-Gruppe in Spanien. Die funktioniert so, dass eine zentrale Redaktion einer Gruppe von 12 Regionalzeitungen überregionalen Content (Wort und Bild) sowie fertig gelayoutete Beilagen bereitstellt. Über den EInsatz des gemeinsamen contents entscheiden dann wiederum die einzelnen Redaktionen. Das Editorial-Design der Gruppe könnte man als enhanced identity (vgl. Wolff Olins) also ein mittelweg zw. monolithic & branded ID bezeichnen: es gibt verbindende Elemente aber auch eine große individuelle Bandbreite der einzelnen Organe.

– Alle medien, die vorgestellt wurden erscheinen nur oder auch im tabloid-Format. Als Argument dafür fallen ausschliesslich praktische Überlegugen (kein “Segel” am strand etc). Porter, Thurfjell, Errea, Valenti, die alle relaunches ihrer Medien vom Broadsheet zum Tabloidformat vorgenommen haben, betonen einmütig, dass dies keine reine skalierung ist, sondern eine komplette Änderung des inhaltlichen Formats bedingt.

– was mir zu kurz kam, war der EInfluss von Herausgebern, Medienunternehmern und -investoren auf Inhalt und Gestaltung von Zeitungen. Es entspricht nicht der Realität, wenn sich nur Designer und Journalisten über die Gestaltung von Medien verständigen. In Deutschland (wo ich herkomme) machten in den letzten Jahren immer wieder heftige Konflikte von sich reden, wenn traditionelle eigentümergesteuerte Medien (SZ, Berliner Zeitung zum Beispiel) von anoymen Investoren übernommen und zunehmend auch inhaltlich beeinflusst werden.

Anmerkungen:

noch ein interessanter artikel über cross-media editorial design.
http://www.fontblog.de/zeitungsdesign-scheitern-und-daraus-lernen

“enhanced identity” stammt aus:
The new guide to identity : how to create and sustain change through managing identity / Wolff Olins, Gower, 1995

tufte:
envisioning information, edwart tufte, chesire conn. 2006

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